Dienstag, 23. Mai 2017

Artikel in der Sächsischer Zeitung. Excelente artículo en un periódico de Sajonia

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12000 Kilometer zum Geschichtsunterricht

Montag, 22.05.2017

12 000 Kilometer zum Geschichtsunterricht

Die jüdische Schriftstellerin Erika Rosenberg sprach in Löbau über Helden der Nazi-Zeit. Einige kannte sie persönlich.

Von Constanze Junghanß

Professorin Erika Rosenberg bei Schülern des Geschwister-Scholl-Gymnasiums LöbauProfessorin Erika Rosenberg bei Schülern des Geschwister-Scholl-Gymnasiums Löbau

© thomas eichler

Rund 12 000 Kilometer Luftlinie liegen zwischen Argentiniens Hauptstadt Buenos Aires und Löbau. Auch, was die Einwohnerzahl betrifft, ist die Distanz enorm: Rund 13 Millionen Menschen leben in der südamerikanischen Metropole, 15 777 in Löbau mit Stand vom 31. Dezember 2015. Erika Rosenberg hat die weite Reise von Argentinien in die Oberlausitz auf sich genommen. Nun schlendert die 65-Jährige durch Löbau. Schön sei es hier, sagt sie. Kleine Läden, viel Grün rundherum. Und das Motel am Bahnhof sei gemütlich. Zwar sei das alles nicht vergleichbar mit der Riesenmetropole. Aber dafür habe die Stadt einen besonderen Charme.

Eine Urlaubsreise ist der Trip nach Löbau für Erika Rosenberg allerdings nicht gewesen. Und auch nicht zum ersten Mal war die zierliche Frau mit den dunkelbraunen Augen und der flotten Kurzhaarfrisur in der Region zu Gast, sondern bereits zum fünften Mal. Frau Rosenberg ist Jüdin. Der Verein „Augen auf“ mit Sitz in Löbau, dessen Ziel es ist, Demokratiebewusstsein und den europäischen Gedanken zu stärken sowie sich für Toleranz und Zivilcourage und gegen Rechtsextremismus einzusetzen, hatte die Schriftstellerin wiederholt eingeladen. Sie kam gerne, wie sie betonte. Am Geschwister-Scholl-Gymnasium, in der Villa Schminke Löbau, an einem Görlitzer Gymnasium und auch in Zittau bei Pasta Fantastica sprach sie über das Leben und Wirken der Familie Schindler, die sie noch persönlich kannte. Oskar Schindler rettete gemeinsam mit seiner Frau Emilie während des Zweiten Weltkrieges rund 1 200 bei ihm angestellte jüdische Zwangsarbeiter vor der Ermordung im Konzentrationslager. Erika Rosenberg lernte Emilie Schindler 1990 kennen. Aus ihren Gesprächen wuchs eine Freundschaft inklusive 70 Stunden Tonbandaufnahmen, aus denen letztendlich sieben Jahre später die Biografie „In Schindlers Schatten“ entstand. Weitere überarbeitete Biografien der Schindler-Witwe schrieb Frau Rosenberg auf. „Ich, Emilie Schindler“ und „Ich, Oskar Schindler“ sind die Titel der Bücher. 2012 erschien auf der Frankfurter Buchmesse des Weiteren „Schindlers Helfer“, über 32 Menschen, die Schindlers zwischen 1939 und 1945 unterstützten.

An ihren Vortragsorten in der Oberlausitz lauschten der Argentinierin, die perfekt deutsch spricht, insgesamt über 350 Menschen. „Die Leute hier sind wirklich sehr nett und interessiert“, lautete ihr Fazit nach der Veranstaltungsreihe. Es sei eine große Freude, gerade den Schülern zu vermitteln, dass es bereits in der damaligen Zeit Menschen gab, die Zivilcourage zeigten. In die Villa Schminke kamen zur Abendveranstaltung rund 40 Zuhörer. Dort ging es unter anderem auch um Nazis in Argentinien. Über die sogenannten „Rattenlinien“ flohen führende Vertreter des NS-Regimes und SS-Angehörige nach Kriegsende nach Südamerika, hauptsächlich nach Argentinien.

Am Löbauer Gymnasium ist die Thematik auch im Lehrplan relevant, wie Christiane Stephan, Lehrerin für Deutsch und Geschichte, erklärte. Außerdem nimmt das Gymnasium am Projekt „Schule ohne Rassismus“ teil. Die Vorträge und Referate von Frau Rosenberg, deren Eltern 1936 vor dem Holocaust über Paraguay nach Argentinien fliehen konnten, kamen bei den fünf 9. Klassen und einer 10. Klasse gut an. Gespannt lauschten die Schüler den Zeitzeugenberichten. Sehr dankbar für diese authentische Möglichkeit sei die Schule dem Verein „Augen auf“, der die Einladung möglich gemacht hatte, so die Lehrerin. Denn, das sei etwas ganz Besonderes. Zumal Erika Rosenberg nicht nur eine bekannte Schriftstellerin, sondern auch Dozentin am Goethe-Institut war. In Argentinien arbeitete sie im Auswärtigen Amt und bildete Diplomaten aus.

„Ich nehme viele Eindrücke mit nach Hause“, sagte Frau Rosenberg. Die, von der „kleinen Stadt mit den schönen Fassaden“ ebenso, wie die der Region, die „strahlenden Augen der Schüler“ und die gewonnenen Freunde. Sie möchte wiederkommen und die lange Reise noch mal auf sich nehmen. Denn es sei ein wichtiges Anliegen, auch im Hinblick auf aktuelle Ereignisse, die Geschichte nicht zu vergessen.